harald bergmann: zur entstehung von “brinkmanns zorn – director’s cut”

15.4.09

17:00 Uhr

Raum 2115

 

brinkmann bei der arbeit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

“Brinkmanns Zorn” portraitiert einen Dichter, der alles auf einmal begehrt – Liebe, Tod, Pop, Hass, Kunst. Bedingungslos gleichzeitig und mit gnadenloser sprachlicher Wucht hat die Literaturikone Rolf Dieter Brinkmann auf jedes Alltagsdetail eingedroschen. Der Film begleitet ihn auf seinen medialen Streif- und sprachlichen Raubzügen durch die hassgeliebte Kölner Innenstadt. Den Original-Tonband- und Super8-Aufnahmen Brinkmanns hat Regisseur Harald Bergmann eine visuelle Welt hinzugefügt, die das sprachliche und soziale Universum Brinkmanns nachzeichnet.

Während Brinkmanns grenzenlos-wütende und aufschäumend-leidenschaftliche Stimme über den Zuschauer hereinbricht, folgt man den lippensynchron agierenden Schauspielern durch die in schöner bundesrepublikanischer Wohlstandsgemütlichkeit eingerichtete Großstadt. Bei Brinkmanns Stadtbeschimpfung müssen sich nicht nur der faulig-gelbe Himmel und die darin fliegenden Vögel, sondern auch Gebäude und Straßen den Beschwerden des Dichters stellen. In furiosen Wortkaskaden und lustvoller Verweigerung berauscht sich der wütende Flaneur Brinkmann am Alltagshass. Dabei erzählt der Film aber auch die Geschichte einer fatalen Liebe – einer Liebe zur Sprache, die nicht mehr vertrauenswürdig ist und der Liebe zu seinem Sohn, dessen Sprachbehinderung ihn scheinbar unrettbar fern von seinem Vater entrückt hat.

Harald Bergmanns Film “Brinkmanns Zorn” portraitiert einen Dichter mit jener Kühnheit, die Brinkmann selbst verschiedenste Medien und filmische Stilmittel für die Darstellung moderner Wirklichkeit verbinden ließ. Bergmann wagt einen nie da gewesenen filmischen Versuch, lässt Dokumentarfilm und Dichterbiographie verschmelzen und schafft eine an Authentizität und faszinierender Perfektion kaum zu überbietende Literaturverfilmung.

http://www.brinkmannszorn.de/de/info.html

 

Interview mit Harald Bergmann zu „Brinkmanns Zorn“

Aus dem eben erschienenen Buch „Ikonen Helden Außenseiter – Film und Biographie“, herausgegeben von Manfred Mittermayer, Patric Blaser, Andrea B. Braidt und Deborah Holmes, Paul Zsolnay Verlag Wien 2009. Das Gespräch mit dem Regisseur führte Patric Blaser anlässlich einer Kinoaufführung in Wien am 24. November 2007.

BLASER: Sie haben für den Film eine ebenfalls ungewöhnliche Form gewählt, Er basiert ja nicht nur auf schriftlichen Texten von Brinkmann, sondern hauptsächlich auf Brinkmanns Klangexperimenten und auf von ihm selbst gesprochenen Textfragmenten, zu denen die Schauspieler im Film lippensynchron agieren. Man könnte sagen, der Star Ihres Films ist die unglaublich suggestive Stimme Brinkmanns. Wie kam es zu dieser Entscheidung, Brinkmanns Stimme im O-Ton zu verwenden?

BERGMANN: Ich wollte natürlich einen Film machen, der auch Brinkmanns Gestaltungsprinzipien berücksichtigt. Einen Dokumentarfilm, der, mit einem Off-Kommentar und einigen spektakulären Materialbeispielen versehen, uns nur eindringlich erklärt hätte, was für ein toller Typ er war, und der seine historische Wichtigkeit womöglich mit einigen filmischen Allgemeinplätzen wie zusätzlichen Studentenunruhen-Ausschnitten bebildert vor Augen geführt hätte, hätte Brinkmann mit Recht gehasst und in der Luft zerfetzt. Ich wollte einen Film machen, der Brinkmanns Prinzipien zumindest nicht widersprach, und dazu gehörte, dass er direkt, sinnlich, ohne vermittelnde Instanz eine Erfahrung bietet.

Aber wir haben nicht einfach gesagt, wir spielen jetzt zu den Tonbändern, sondern das war ein sehr langer Prozess in vielen Schritten, den man an den vier Filmteilen, die der auf DVD erschienene, fast sechsstündige Director’s Cut des Filmes enthält, ablesen und nachvollziehen kann.

(…)

BLASER: Durch das Vermischen von verschiedenen Materialien entsteht eine eigenartige Hybridform. Zunächst ist da Brinkmanns Originalstimme, die Geräusche der Stadt oder aus seinen Experimenten; dazu mischen Sie teilweise eigene Musik. Zu dieser Tonebene erfinden Sie fast dokumentarisch Situationen und Bilder mit stummen Schauspielern. Der Zuschauer sieht nun Eckhard Rhode als Brinkmann, hört aber die Stimme des wirklichen Brinkmann. Zu welchem Genre würden Sie ihren Film rechnen? Handelt es sich eher um einen Dokumentar- oder um einen Spielfilm?

BERGMANN: Es ist einfach etwas Neues> eben weil der Film so aus dem Ton heraus gemacht ist. Und dieser Ton selbst ist ja dokumentarisch, historisch und definitiv nicht fiktiv. Die Machart, die Umsetzung jedoch ist die eines komplett durchkomponierten Spielfilmes. Man kann eben nicht recht definieren, ob das jetzt ein Dokumentar oder ein Spielfilm ist. Wenn ich mich da festlegen soll, sag ich immer, es ist eigentlich ein neues Genre, das es noch nicht gibt.

Aber die richtige Schublade dafür ist nicht meine Sorge. Ich bin eher zufrieden, etwas gemacht zu haben, was in keine hineinpasst. Man kann ja nicht Innovation wollen und gleichzeitig von ihr verlangen, dass sie wie das Altbekannte im Ergebnis ist.

(…)

BERGMANN: Oder konzeptionell gesprochen: Ich kann etwas, was seinem Wesen nach diskontinuierlich ist, nicht darstellen, indem ich noch mehr Diskontinuität einziehe. Dass dieses fragmentarische Material, das ja überhaupt nicht auf eine komponierte Story hin aufgenommen ist- dass es diese Story überhaupt ergibt, dass am Ende ein geschlossener, fast spielfilmmäßiger Ablauf rauskommt, ist ja für mich gerade das Wunder. Dieses herzustellen, darin lag die kompositorische Arbeit oder Anstrengung dieses Filmes.

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